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I.

Der Misserfolg der Bodenreformer vor Henry

George *).

Henry George widmet sein Buch „Schutzzoll oder Freihandel“: „dem Andenken jener berühmten Franzosen des vorigen Jahrhunderts, Quesnay, Turgot, Mirabeau, Condorcet, Dupont und ihren Genossen, die in der Nacht des Despotismus die Glorie der kommenden Tage vorhersahen.“ Es kann kein Zweifel darüber obwalten, dass George diese Männer für seine Vorläufer hielt, dass er sie als die ersten Bodenreformer betrachtete. Aber in Wirklichkeit besteht zwischen den Lehren des Amerikaners und denen der Physiokraten ein sehr grosser Unterschied: die „single taxe“ des ersteren und der „impot unique“ der letzteren sind in ihrem Wesen, in ihrer Begründung, in ihren vorausgesetzten Wirkungen so verschieden, dass sie eigentlich nichts als den Namen gemeinsam haben).

Die wesentlichen Gedanken George's wurden doch bereits im 18. Jahrhundert ausgesprochen, es gab damals schon ,Bodenreformer", d. h. Männer, denen die Privatausnutzung des Bodeneigentums aus sozial - ökonomischen Gründen als verkehrt galt; ich betone aus sozial-ökonomischen

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*) Eine Geschichte der Bodenreformbewegung sowie jede Vorarbeit zu einer solchen wäre mit Freuden zu begrüssen; man sucht dergleichen sowohl in der deutschen wie in der ausländischen Literatur vergebens. Die hier gegebene Skizze beruht zum grössten Teile auf eigenen Quellenforschungen des Verfassers.

Gründen, naturrechtliche Bedenken gegen das Privatgrundeigentum lassen sich von der Bibel angefangen in zahlreichen Schriften aller Zeiten ausfindig machen.

Nach dem Vorgange von Anton Menger?) hat man sich daran gewöhnt, Thomas Spence als den ersten Bodenreformer zu bezeichnen. Er soll eine beträchtliche Anzahl Anhänger hinterlassen haben, die sogar im Jahre 1817 in London einen Aufstand zwecks Durchführung der Absichten ihres Meisters versuchen wollten.

Spence hat im Jahre 1796 eine Schrift veröffentlicht, unter dem Titel „The meridian sun of liberty“. Angeblich handelte es sich dabei um Publikation eines Vortrages, der schon im Jahre 1775 in Newcastle von ihm gehalten worden ist. Der Grundgedanke der Schrift 8) ist weder originell noch besonders geistreich: „Es gibt keine Lebensmöglichkeit als durch den Boden und seine Erzeugnisse, folglich haben wir an dem, ohne das wir nicht leben können, dasselbe Eigentumsrecht, wie an unserem Leben.“ Eigenartig sind dagegen Spences praktische Vorschläge: „Das Land mit allem Zubehör wird in jedem Gemeindebezirk Eigentum der Körperschaft oder der Gemeinde mit ebenderselben freien Befugnis zum Verpachten, Wiederherstellen oder Veränderung des Ganzen oder eines Teiles, wie sie der Gutsherr geniefst; aber das Recht, auch nur das kleinste Stück, in welcher Art es auch sei, aus dem Gemeindebesitz zu veräussern, wird für jetzt und für immer versagt. Denn es wird feierlich von der ganzen Nation vereinbart, dass eine Gemeinde, die irgendeinen Teil ihres Grundbesitzes entweder verkaufen oder verschenken sollte, mit demselben Abscheu und Entsetzen angesehen und ebenso behandelt werden soll, als hätte sie die eigenen Kinder in die Sklaverei verkauft, oder mit eigenen Händen niedergemetzelt.“

„Um unter der arbeitenden Klasse richtige Ideen ihrer Lage, ihrer Wichtigkeit und ihrer Rechte“ zu verbreiten, veröffentlichte Spence seit dem Jahre 1793 eine Zeitschrift, genannt „Pig's Meat", geziert mit einem fetten Schweine und der Aufschrift: ,,This is that matchless Pig's meat so famous far and near, Oppressors hearts it fills with dread, but poor men's hearts does cheer“. Der Kampf gegen das private Grundeigentum tritt hier erheblich hinter der Verherrlichung der Republik und der Hetze gegen die staatliche Ordnung zurück. Deshalb machte Spence auch mehreremale Bekanntschaft mit dem Gefängnisse.

Entgegen der Behauptung Mengers und Diehls hat Spence nie zahlreiche Anhänger für seine Ideen gefunden; Mackencie, der Spence in seiner „History of Newcastle“ (Geburtsstadt Spences) erwähnt, hebt dies ausdrücklich hervor 4).

Richtig ist freilich, dass seine „Anhänger“ im Jahre 1817 einen Aufstand versuchten; aber ein Blick in die veröffentlichten Akten zeigt, dass es sich lediglich um einen äusserst lächerlichen Putschversuch eines kleinen Haufens handelte, der angestachelt wurde durch ein halbes Dutzend verkommener Menschen. Nichts scheint mir besser die Ansicht, dass die Spenceaner Bodenreformer gewesen seien, zu widerlegen, als der Aufruf, den die Aufständischen im Jahre 1817 veröffentlichten. Er lautet:

Britons to Arms. The whole country waits the signal from London to fly to arms! haste, break open gunsmith and other likely places to find armes!...no rise of bread, no Regent, no Castlereagh, off with their heads; placemen, tythes, or enclosures, no taxes, no bishops, only useless lumber! stand true or be slaves for ever!“5)

Mit dem Inhalte dieses Aufrufes stimmt die Tatsache überein, dass jeder, der in den Bund aufgenommen werden wollte, auf die Frage: Wollt ihr ohne Gott und ohne König leben?“ antworten musste: „Wir verwünschen jede Art von Tyrannei.“

William Cobbett, der bekannte Führer der englischen Radikalen im Anfange des 19. Jahrhunderts urteilt über

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ich er

die Spenceaner folgendermassen: „So monströs die niedrige Gesinnung, die Bosheit und die Grausamkeit dieser Leute auch sein mag, das wird noch übertroffen durch ihre Torheit“; ein Urteil, das mir nicht ungerecht zu sein scheint.

Wie alle englischen Bekämpfer des Privateigentums Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts innere nur an Godwin sich mit besonderem Nachdruck gegen das Grundeigentum wandten, so tat dies auch Spence. Es würde höchst auffallend sein, wenn es anders wäre. Es war ja gerade um die Zeit, wo die ländliche Grundrente in England so gewaltig in die Höhe ging. Nach Mulhall stieg der Grundrentenwert des Vereinigten Königreichs von 231/2 Mill. L im Jahre 1780 auf 49 Mill. € im Jahre 1814, d. h. in drei Jahrzehnten um mehr als das doppelte?). Die Sozialisten und Kommunisten jener Tage Bodenreformer zu nennen, ist ungefähr ebenso verkehrt, als wollte man die modernen Sozialisten, bei deren Agitation der Kampf gegen das Privateigentum am Grund und Boden aus taktischen Gründen zurzeit mehr in den Hintergrund tritt, deshalb als Freunde des privaten Bodeneigentums bezeichnen.

Mit viel gröfserem Rechte als die Spenceaner, darf William Ogilvie zu den Bodenreformern gerechnet werden. Es ist charakteristisch, dass seine 1782 erschienene Schrift: „An Essay on the right of Property in Land“ so wenig Beachtung gefunden hat, dass sie selbst einem so hervorragenden Forschertalente, wie Anton Menger, entgehen konnte.

Während in den Schriften Spences nur zu viele Stellen verraten, dass der Verfasser ein fanatischer Agitator war, ist Ogilvies Buch die Arbeit eines vornehmen, ruhigen Gelehrten Ogilvie war Professor der Humanität an der Universität in Aberdeen --, der sine ira et studio das Eigentumsproblem, sowohl vom naturrechtlichen als auch vom sozialökonomischen Standpunkte aus würdigt.

Für ihn ist gleicher Anteil am Boden ein Geburtsrecht (birthright) für jeden Menschen, aber er fügt gleich hinzu, dass durch Eintritt in die Gesellschaft und Teilnahme an ihren Vorteilen, der einzelne seine Bereitwilligkeit kund gebe, sich solchen Massregeln zu unterwerfen, die zum Besten der Gesamtheit notwendig seien. Weiter wird be- . tont, dass grosse plötzliche Umwälzungen wohl niemals wünschenstwert seien, „partial reformation, gradual progressive innovation“ ist das, was Ogilvie wünscht. Für ihn ist unter zwei Nationen diejenige am glücklichsten, welche die meisten unabhängigen Ackerbauer besitzt. Förderung der inneren Kolonisation, um einen modernen Ausdruck zu gebrauchen, liegt ihm besonders am Herzen 8).

Ogilvie verlangt, dass man unterscheide zwischen 1. dem ursprünglichen Bodenwert, 2. dem durch menschliche Arbeit verbesserten Bodenwert, 3. dem Bodenwert, der sich für die Gegenwart aus der zukünftigen Wertsteigerungsmöglichkeit ergebe. Nur der unter 2. genannte Wert komme dem Eigentümer zu, alles andere gehöre der Gesellschaft. Sehr wohl sieht Ogilvie, dass eine Scheidung zwischen den einzelnen Bestandteilen des Bodenwertes ausserordentlich schwierig sei. Er kommt daher zu der Forderung, dass man den Grundeigentümern auch den Wert lassen solle, der ihnen eigentlich nicht zukomme, dafür sollten sie aber für die Ausgaben des Staates sorgen.

„no scheme of taxation can be so equitable as a landtaxe, by which alone the expenses of the State ought to be supported, until the whole amount of that original value be exhausted.“ (a. a. O. Part. I, sec. I.)

Dabei fordert er ferner, dass die Grundeigentümer sich bewusst bleiben sollten, dass der ursprüngliche Bodenwert ihnen nur zur Verwaltung seitens der Gesellschaft anvertraut sei. Der Boden müsse daher möglichst intensiv bearbeitet werden. Das sei gegenwärtig nicht der Fall, weil eben nur sehr wenige Einwohner des Landes Eigentümer des gesamten Grund und Bodens seien; das sei verderblich.

Nicht allen Ausführungen Ogilvies wird man beistimmen können, das gilt insbesondere auch von seinen praktischen Vorschlägen, im ganzen rechtfertigen es aber die von ihm ausgesprochenen Gedanken, dass man ihn den ersten Sozialreformer nennt, der gegen das unbeschränkte Privateigentum

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